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[dropcap]H[/dropcap]olzgerlingen | Wie bereits berichtetet, wurde am Samstag gegen 02.10 Uhr ein 29-Jähriger im Zuge seiner Festnahme durch Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) Baden-Württemberg tödlich verletzt.

Der Mann französischer Herkunft bedrohte am Freitagabend die Familie seiner 24 Jahre alten Ex-Freundin in deren Haus in der Böblinger Straße mit einer scharfen Schusswaffe und nahm die Familie als Geiseln. Er klingelte gegen 21 Uhr an der Haustür, als die Mutter ihm öffnete, bedrohte er sie sofort mit einer Pistole und verschaffte sich Zutritt ins Gebäude. Sie mussten sich alle in ein im ersten Stock gelegenes Kinderzimmer begeben.
Unter dem Vorhalt der Waffe sollten sie ihm den aktuellen Wohnort der 24-Jährigen verraten. Da sie seiner Forderung nicht nachkamen, zwang er die Mutter ihre Tochter anzurufen und unter einem Vorwand ins Elternhaus zu locken. Der Bitte kam die junge Frau nach und traf kurz darauf vor dem elterlichen Haus ein. Glücklicherweise konnte die Mutter sie auf einer nach draußen geschmuggelten Notiz, auf der der Name des Mannes und das Wort Polizei geschrieben stand, rechtzeitig warnen, so dass die 24-Jährige sich in Sicherheit brachte und die Polizei alarmierte.

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Im Laufe der polizeilichen Maßnahmen gelang es speziell für solche Einsätze geschulten Beamten der Kriminalpolizeidirektion Böblingen telefonisch mit der Familie in Kontakt zu treten. Dadurch wurde unter anderem bekannt, dass der Geiselnehmer sich zwischenzeitlich mit den Eltern der 24-Jährigen im Erdgeschoss des Hauses aufhielt, während die 13 und 15 Jahre alten Kinder im ersten Stock waren. Der 29-Jährige indes forderte weiterhin vehement den Kontakt zu seiner ehemaligen Freundin. Diese hatte die Beziehung bereits vor einiger Zeit beendet und ihn seitdem nicht mehr getroffen.

Geiselnehmer richtete Waffe auf SEK-Beamte

Der Mutter gelang es kurz nach 2 Uhr schließlich die Haustür zu öffnen, so dass das SEK schlagartig ins Gebäude vordrang. Der Geiselnehmer saß zu diesem Zeitpunkt allein auf einem Sofa, der Vater hatte sich in den ersten Stock gerettet. Der 29-Jährige zielte mit seiner Pistole zunächst gegen sich selbst. Anschließend hantierte er an der Waffe und richtete sie dabei auch gegen die Beamten. Die Polizisten mussten daraufhin in Notwehr von ihrer Schusswaffe Gebrauch machen und verletzten ihn tödlich. Zeitgleich gelang es dem SEK die Familie unversehrt zu retten. Trotz der sofort eingeleiteten Reanimationsmaßnahmen durch die SEK-Beamten selbst sowie einen bereits anwesenden und damit sofort verfügbaren Notarzt starb der Mann gegen 03.10 Uhr noch am Tatort.

Auf richterliche Anordnung wurde der Tote noch am Sonntag gerichtsmedizinisch obduziert. Laut vorläufigem Ergebnis trafen ihn insgesamt vier Schüsse, davon drei im Oberkörper rechts (Schusshandseite) sowie ein Streifschuss. Während die beiden 13- und 15-Jährigen nach dem Vorfall zunächst in einem Krankenhaus betreut werden mussten, geht es auch den Eltern den Umständen entsprechend schlecht.

Schussabgabe in Notwehr

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Stuttgart ist den SEK-Beamten bislang keinerlei Vorwurf zu machen, weshalb auch kein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Sie handelten vermutlich in Notwehr. Noch in der Nacht begutachteten Kriminaltechniker den Tatort und stellten auch die Pistole des Geiselnehmers sicher. Es handelt sich um eine scharfe französische Schusswaffe des Kalibers 7,65 mm, in die ein Magazin mit sieben Patronen eingeführt war. Die Waffe wies eine Ladehemmung auf, d.h. eine Patrone hatte sich zwischen Lauf und Patronenlager verkeilt.

Der Verdächtige lebte in Frankreich und ist weder den deutschen noch den französischen Behörden polizeilich bekannt. Was genau ihn zu der Tat veranlasste, konnte bislang nicht in Erfahrung gebracht werden. Die Ermittlungen dauern an.