Anzeige
[dropcap]B[/dropcap]erlin | Es ist kein Geheimnis, dass bei einigen Kommandos der Spezialeinheiten der deutschen Polizei Frust, Verärgerung und schlechte Arbeitsbedingungen herrschen. Da gibt es veraltete Ausrüstung, steigende Arbeitsbelastungen, schlechte Bezahlung und kaum Beförderungsmöglichkeiten sowie fehlende Wertschätzung der SE-Angehörigen durch den Dienstherrn und Politik.

Veraltete Waffensysteme und Optronik

Bei einigen Einheiten in Deutschland gibt es wenig zu beklagen, nutzen sie auch moderne Waffen wie z. B. das HK G36C (Compact), HK G36K A3, FN SCAR-L STD oder des Schweizer Herstellers B&T AG. Meist in speziellen Ausführungen für Polizei und Militär sowie mit angepassten Schulterstützen, Haltern und taktischen Lampen.

Ein SCAR-L in Caliber 5,56 x 45 des belgischen Herstellers FN Herstal | Foto: © Tomas Moll
Ein SCAR-L in Caliber 5,56 x 45 des belgischen Herstellers FN Herstal | Foto: © Tomas Moll

Doch dann gibt es Einheiten die seit Jahrzenten Waffen wie das HK MP5 nutzen, wenn auch leicht modifiziert. Jedoch findet sich für besondere polizeiliche Lagen genau dieser Waffentyp auf jedem Streifenwagen wieder. Stellt sich die Frage, ob dieses Einsatzmittel die erste Wahl für die Elite der Polizei – den Spezialeinsatzkommandos – sein sollte. Sind sie doch das letzte Mittel der Polizei und die Ersten bei der Terrorbekämpfung. Oder wurde über die Jahre nicht doch am falschen Ende gespart.

Gleiches Problem gibt es beim Thema Optronik, ballistischer Schutz und Scharfschützengewehren. Nutzen viele Einheiten die neusten Titan-Modelle des Helmherstellers Ulbricht, finden sich auch die alten AM95 Helme im Einsatz wieder. Hinzu kommen gravierende Unterschiede bei Schutzwesten, Nachtsicht- und Lasertechnik sowie Funktechnik.

Moderne Optronik-Technik für Einsatzkräfte | Foto: © Tomas Moll
Moderne Optronik-Technik für Einsatzkräfte | Foto: © Tomas Moll

Innenminister kündigen Verbesserung an

Doch die Innenresort-Chefs kündigten auf der letzten Innenministerkonferenz (IMK) Verbesserung an. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) versprach eine Optimierung und Anpassung der Ausrüstung für die Spezialeinheiten der Polizei Berlin:
Die Terroranschläge von Paris haben gezeigt, dass wir es mit einer neuen Bedrohungslage zu tun haben. Nämlich mit hochgerüsteten Gegnern, die Zugriff auf Kriegswaffen haben. Die Sicherheitsbehörden müssen sich darauf einstellen, dass Anschläge von Personen verübt werden könnten, die Erfahrung auf Schlachtfeldern von Syrien und Irak gesammelt haben. Diese Personen könnten dann ein hohes Maß an Brutalität und taktischer Ausbildung mitbringen, das auch für die Sicherheitskräfte eine enorme Bedrohung ist.

Mein Eindruck ist, dass die Ausrüstung der Polizei in dieser Hinsicht ausbaufähig ist. Deshalb ist es gut, dass wir diese Frage auf der IMK mit großer Priorität behandeln. Neben der Möglichkeit, solche Bedrohung auszuschalten, muss aus meiner Sicht vor allem der Schutz der Einsatzkräfte im Mittelpunkt stehen. Das gilt auch für die Polizeien der Länder“, so Henkel.

Wie ein Sprecher der Innenverwaltung gegenüber SEK-Einsatz.de auf Nachfrage bestätigte, sind u. a. „Anpassungsbedarfe bei Schutzausrüstung und Ausstattung der Spezialeinheiten“ geplant. „Geplant“: Ein Wort aus der Politik, welches wohl jeder Polizeibeamte und jede Polizeibeamtin zu gut kennt. Gibt es ja auch „Planstellen“.

Kaum Karrierechancen für SEK-Beamte

Die mangelhafte Ausrüstung ist nur ein Punkt den die Elitepolizisten bemängeln. Immer öfter wird auch aus einigen Einheiten offen bekundet, dass es kaum Verwendungsmöglichkeiten für die Spezialisten bei Erreichen der Altersgrenze innerhalb der Behörde gibt. Dann heißt es nach Hospitation zurück in den Funkwagen: Streife fahren. Und wenn auch als „Dorfsheriff“ – oder behördlich: Bezirkskontaktbeamter.

Auch werden die Angehörigen des SEK nicht ausreichend befördert. So beklagen Kommando-Angehörige in Berlin, dass sie trotz herausragender Leistung und keiner negativ Beurteilungen seit 10 Jahren immer noch POM (Polizeiobermeister) sind. Sogar beim Ausscheiden aus dem SEK wurden sie nicht befördert. Wie SEK-Einsatz.de bei Recherchen herausfand, war dies bis zum Jahr 2005 anders. Bis zu dem Jahr wurde dafür gesorgt, dass die Beamten wenigstens als PK (Polizeikommissar) in andere Dienststellen versetzt wurden. Seit dem leider nicht mehr. Mittlerweile gab es nach Angaben der DPolG 13 Fälle innerhalb der letzten drei Jahren, dass Polizeibeamte als POM in Pension geschickt wurden. Nicht nur für die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) ein unhaltbarer Zustand.

SEK-Beamter: „Nicht nur, dass wir uns hinten anstellen nach 15 Jahren beim SEK. Wir haben alle Spezialwissen in Waffen, Taktik und Technik. Doch das
verfällt und bringt der Behörde gar nichts mehr, weil wir keine geeignete Anschlussverwendung finden, von der noch alle profitieren könnten. Die Frage, wo wir nach dem SEK hinkommen, ist auch nicht geklärt.“

Sieht so der korrekte Umgang mit Elitepolizisten aus?

Diese Meinung teilen nicht alle. So sagten Angehörige von Spezialeinheiten des Bundes – GSG 9 oder ZUZ – gegenüber SEK-Einsatz.de: „Ich persönlich freue mich auch auf die Zeit nach den Spezialeinheiten. Wenn alles gut geht und mir nichts zustößt, dann war ich 18 Jahre im Team, habe jeden Tag mehr als 100% gegeben, meine Familie und ich mussten privat sehr viel zurückstecken, da freue ich mich auch nach der Zeit beim Kommando auf „ruhigere“ Zeiten. Jedoch kann ich meine Kollegen verstehen. Der Bund lässt uns nicht alleine dastehen, sondern kümmert sich intensiv um die Rückführung in den alltäglichen Dienst. Das sieht auf Länderebene oftmals anders aus.“

sekinsider
Anzeige

Was der ehemalige SEK-Angehörige ‚Peter Schulz‘ in seinem Buch „SEK – Ein Insiderbericht“ bereits bemängelte, machten nun auch drei Kommando-Angehörige der Polizei Berlin in einem Interview gegenüber der GdP Mitarbeiter Zeitschrift „Deutsche Polizei“ deutlich. Verärgerung über Politik und Polizeiführung, schlechte Bezahlung und kaum Anerkennung und Wertschätzung.

Gemeinschaftsgefühl und Stolz innerhalb des SEK-Teams

Die drei SEK-Mitglieder lassen in dem Gespräch aber auch die positiven Seiten ihres Berufs nicht zu kurz kommen. Sie sprechen über das Gemeinschaftsgefühl in der Einheit, den Stolz, es in diese Elitetruppe geschafft zu haben, und über ihr Verantwortungsgefühl. „Wir haben auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Wir schützen“, bringt es einer der Beamten auf den Punkt. Oberstes Ziel sei immer die für beide Seiten verletzungsfreie Bewältigung eines Einsatzes. „In der Regel ist unser Gegenüber bewaffnet oder will sich das Leben nehmen“, schildert einer der Beamten im Interview. Ohne Respekt sowohl vor dem Menschen in einer Ausnahmesituation als auch vor der eigenen Aufgabe gehe es nicht.

Der Landesverband Berlin der Gewerkschaft der Polizei (GdP) stellte das gesamte Interview für SEK-Einsatz.de zur Verfügung.

LESEN SIE HIER AUF SEITE 2 DAS GESAMTE INTERVIEW