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Berlin | Die Bundeshauptstadt ist mit vielen statistischen Zahlen oftmals der Vorreiter im gesamten Bundesgebiet. Sei es bei den Übernachtungen von Touristen (28,7 Millionen Übernachtungen 2014), die Zahl der Taschendiebstähle 32.121 (Anstieg um satte 54,5%) oder die Einsätze der Spezialeinheiten der Berliner Polizei. Gerade SEK-Einsätze erreichen oft ein großes mediales Interesse in der Öffentlichkeit. Oftmals werden die Spezialeinsatzkräfte dann als „Trupp vermummter Polizisten mit Rambo-Methoden“ oder als „Sondereinsatzkommandos“ in den Medien bezeichnet.

Richtig ist natürlich “Spezialeinsatzkommando” – Lesen Sie hier mehr zum Thema

Die Terroranschläge von Paris gegen „Charlie Hebdo“, der Anschlag auf die Meinungsfreiheit in Kopenhagen oder die bereits dritte „Terrorwarnung“ in Deutschland innerhalb nur weniger Wochen, machen deutlich wie wichtig ein gut aufgestellter Sicherheitsapparat auch mit Elite-Polizisten ist. Doch die Sparpolitik vieler Bundesländer bringt genau diese Einheiten an die Belastungsgrenze.

117.696 Mehrarbeitsstunden der Spezialeinheiten allein in Berlin

Allein beim Personenschutz (PSK), Mobilen Einsatzkommando (MEK), Spezialeinsatzkommando (SEK) und Mobilen Einsatzkommando Aufklärung / Operative Dienste (A/OD) kam es zu einer Mehrarbeit von 117.696 Stunden. Dabei werden den Beamtinnen und Beamten jeden Tag hohe Anforderungen an die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit abverlangt, hin bis zur totalen Erschöpfung.

Chris* Mitglied einer Spezialeinheit in Berlin:Wir können mit unserem Team bei einer Einsatzlage nach 8 Stunden Dienstzeit nicht einfach sagen, Schluss, Feierabend ausstempeln. Auch unser Gegenüber sagt nicht Ok, wir sehen uns dann morgen wieder. Für unsere Einheit gilt: »Wir sind das letzte polizeiliche Mittel, nach uns kommt nichts mehr«„.

Einsatzkräfte des SEK Berlin | Foto: © Tomas Moll
Einsatzkräfte des SEK Berlin | Foto: © Tomas Moll

LKA 6 | Abteilung für operative Dienste

In der Abteilung 6 des LKA Berlin sind die Bereiche der

  • Spezialeinheiten
  • Spezialeinsatztechnik

angesiedelt und u. a. zuständig für die Unterstützung der Kollegen bei besonderen Lagen großenteils Bedrohungslagen, Festnahmen, Observierungen, Erpressungen, Entführungen oder der Schutz von Kronzeugen bei Gerichtsverhandlungen, wie aktuell im Rocker-Prozess um den Hells Angels Chef Kadir P.

Dabei sind die Spezialeinheiten der Berliner Polizei in folgende gegliedert:

  • Spezialeinsatzkommando (SEK),
  • Mobiles Einsatzkommando (MEK)
  • Verhandlungsgruppe (VG)
  • Personenschutzkommando (PSK)
  • Aufklärung/Operative Dienste (A/OD)

Im Jahr 2014 führte das Spezialeinsatzkommando (SEK) Berlin insgesamt 498 Einsätze durch, davon 16 Einsatzunterstützungen bei Staatsbesuchen. Zum Vergleich: Das SEK Thüringen kam auf 70 Einsätze im Jahr 2014 sowie 162 Einsätze der gesamten Spezialeinheiten Thüringens. Im Bundesland NRW kamen die sechs SEKs auf 842 Einsätze im Jahr 2013. Auch die Spezialeinheit des Zolls – ZUZ (Zentrale Unterstützungsgruppe Zoll) – kommt auf etwa 70 (darunter auch technische) Einsätze im Jahr.

Das Mobile Einsatzkommando (MEK) Berlin kam zu insgesamt 375 Einsätzen. Die Verhandlungsgruppe (VG) bearbeitete 39 Einsätze. Wie viele aufgewandte Einsatzkräftestunden des PSK allein auf die Schutzmaßnahmen von Senatoren in Berlin fielen, dazu wollte sich die Polizei Berlin nicht äußern. Der Personenschutz des Landes Berlin ist nach der Sicherungsgruppe des BKA die zweitgrößte Personenschutzdienststelle in der Bundesrepublik Deutschland.

Der Personenschutz des LKA Berlin | Foto: © Tomas Moll
Der Personenschutz des LKA Berlin | Foto: © Tomas Moll

Bei den Berliner Schutzpersonen handelt es sich insbesondere um Mitglieder der Landesregierung, Angehörige ausländischer Missionen, individuellen Gefährdungen unterliegende Personen sowie gefährdete Berlinbesucher.

Martin Textor - Leitender Kriminaldirektor a.D. | Foto: © Tomas Moll
Martin Textor – Leitender Kriminaldirektor a.D. | Foto: © Tomas Moll

Martin Textor (69) war 25 Jahre Leiter der operativen Spezialeinheiten (SEK, MEK, VG) Berlin und wurde in den Medien oft als der „Polizei-Held von Berlin“ bezeichnet.
Lesen Sie hier ein Interview mit dem Leitenden Polizeidirektor a.D. und Mitbegründer des SEK Berlin Martin Textor:

1. Welche Probleme gab es beim Aufbau des SEK in Berlin Anfang der 70er Jahre? (Personal, Material, Ausbildungsinhalte, Struktur…)?

Das Hauptproblem war, dass es keine inhaltlichen Vorstellungen für so eine polizeiliche Spezialeinheit als Blaupause gab. Man konnte sich zwar ein wenig bei den Schutzmächten aus militärischer Sicht orientieren, dennoch gibt es da ja riesige Unterschiede. So war also jeder einzelne unabhängig vom Dienstgrad mit Ideen gefragt. Das hat natürlich den Zusammenhalt und das Selbstwertgefühl jedes einzelnen sehr gefördert. Klar waren nur die personellen Voraussetzungen, die vom Polizeipräsident Klaus Hübner vorgegeben waren. Er sprach vom „Astronautentyp“, also einem, der keine Angst vor Ungewissem und Respekt vor möglichen Gefahren hat. Da gab es am Anfang noch wirklich „Typen“, die heute kaum Chancen für eine Aufnahme hätten. Aber es hat funktioniert, die Begeisterung hat manche Mängel und Fehler kompensiert. Die Struktur folgte dem üblichen Muster. Wichtig war aber die strikte Unterscheidung zwischen SEK und Präzisionsschützen, die heute (leider) aufgegeben wurde. Was unbedingt gebraucht wurde, wurde auch gekauft, die Entscheidung über die Notwendigkeit ergab sich aus den Forderungen des Personals.

2. Der Aufbau geschah Mitten im Kalten Krieg in einer „Frontstadt“, in der ja aus sicherheitspolitischen Gründen noch nicht mal die Wehrpflicht galt. Wie reagierten die Alliierten als Besatzungsmacht oder sogar die Sowjets auf die Gründung eines SEK, das als Vorbild die ebenfalls neue GSG 9 hatte?

Als die GSG 9 gegründet wurde, gab es schon Anfänge des SEK Berlin, denn die Idee war bei Klaus Hübner schon nach der Münchener Geiselnahme „Rammelmaier“ geboren. Für die Alliierten waren die Spezialeinheiten eine gern gesehene Verstärkung für erste Maßnahmen bei Angriffen gegen sie selbst. Die Amerikaner und Franzosen sahen sogar die ersten Entscheidungen bei Anschlägen auf ihre Soldaten beim Berliner SEK. Die Briten hielten sich da mehr bedeckt, obgleich auch sie gemeinsame Ausbildungsvorhaben mit dem SAS unterstützten. Nachteilige Ausführungen der Sowjets blieben aus, auch bei Reisen auf dem Landweg gab es keine Probleme.

3. Welchen Unterschied sehen Sie in dem SEK, dass Sie noch mit aufgebaut haben und dem heutigen SEK?

„Früher war alles besser“. Wer so denkt, muss die Zustände im Mittelalter favorisieren. Jede Zeit hat ihre Menschen und Vorstellungen. Für die Spezialeinheiten ist nur eins der Maßstab: Der Erfolg. Und da gibt es heute wie früher nichts zu meckern. Ich habe manches anders gemacht als meine Nachfolger, aber ob das besser oder schlechter war, kann und will ich nicht beurteilen.

4. Gab es besondere „Höhepunkte“ oder „Tiefschläge“ für das SEK in den Jahren ihrer Präsenz?

Ja. Alle Einsätze der Spezialeinheiten waren im Kern erfolgreich, obwohl es keine Einsätze ohne Fehler gibt. Dass auch die Politiker von den jeweils Regierenden bis zur Opposition immer hinter uns standen, war ein „Dauerhöhepunkt“. Wolfgang Wieland von den Grünen hat die Geschichte der Berliner Spezialeinheiten als „eine einzige Erfolgsgeschichte“ bezeichnet. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Tiefpunkt war der Tod vom SEK-Mann „Bulette“. Das hat tiefe Einschnitte hinterlassen und manche aus meiner Sicht ungerechte Entscheidung in Sachen „posttraumatische Belastung“ hervorgerufen. Die besonders am Anfang von allen empfundene Unverletzlichkeit hatte ein plötzliches Ende gefunden.

5. Was sollte die Politik / Innensenator Frank Henkel ändern, um ausscheidende Beamte besser zurück zuführen in den Polizeidienst, nach der Tätigkeit bei den Spezialeinheiten?

Ein Dauerthema im SEK seit Einführung einer Altersbegrenzung. Wie auch in den anderen Spezialeinheiten gibt es aus meiner Sicht keine allgemeine Lösung. Ich wollte immer, dass den unterschiedlichen Wünschen und Fähigkeiten der Menschen Beachtung geschenkt wird und ihren Wünschen, wenn irgend möglich, Folge geleistet wird. Ein besonderer Stellenschlüssel und die Umsetzung der zweigeteilten Laufbahn sind zwei immer noch nötige Voraussetzungen. Natürlich haben sich die Spezialeinheiten inzwischen als Teil der Berliner Polizei normalisiert. Aber muss immer erst ein tragischer Vorfall oder ein gelungener spektakulärer Einsatz auf das Besondere der Einheiten aufmerksam machen? Noch immer gilt der Satz: Wenn es schwierig wird, kommt die Polizei, und wenn es für die Polizei schwierig wird, kommt das SEK.

* Name durch die Redaktion geändert

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