Ausrüstung

Pilotprojekt Body-Cam: Systeme im Vergleich

Die Zahlen der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamt sind erschreckend: Die Anzahl der Widerstände gegen Polizeibeamte liegt bei rund 70 – pro Tag. Jahr für Jahr nehmen Respektlosigkeit und Gewalt gegen Polizeibeamte zu, teilweise um bis zu 30 Prozent in vier Jahren. Der Respekt vor der Uniform hat massiv abgenommen – und das fängt schon bei Kindern und Jugendlichen an. Daher setzt die Polizei vermehrt auf Body-Cams um Aggressionen und Gewalt gegen Polizeibeamte zu dokumentieren und diese auch zu bremsen. In 13 von 16 Bundesländern kommen die kleinen Körperkameras bereits zum Einsatz und auch Einsatzkräfte der Bundespolizei nutzen die Videotechnik bereits an Bahnhöfen. Wegen der positiven Erfahrungen hat der Bundestag nun die flächendeckende Einführung der Body-Cams für Bundespolizisten beschlossen. Die Bundespolizei wird insgesamt 2.500 der Geräte anschaffen, heißt es aus dem Bundesinnenministerium. Die Mehrheit der Bundesländer erwägt nach Angaben des Leiters der rheinland-pfälzischen „Arbeitsgruppe Body-Cam“, Heiko Arnd, den Einsatz dieser Geräte.

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Polizeibehörden fordern zudem nicht nur die Aufnahme von Bildern, sondern auch von Ton. Zudem wollen die Beamten die „Pre-Recording“-Funktion nutzen. Damit wird bereits aufgenommen, bevor ein Beamter auf den Aufnahmeknopf drückt. Auf diese Weise soll besser dokumentiert werden, wie eine Situation eskaliert. Neben den verschiedenen Anforderungen an die Videohardware stellt die Weiterverwendung der Videodateien eine zentrale Frage dar. Schließlich sollen die Daten als Beweismittel dienen und müssen vor Manipulation und Fremdzugriff geschützt sein.

SEK-Einsatz.de hat sich vier verschiedene Systeme der führenden Komplett-Anbieter angeschaut und stellt diese vor. Hierzu betrachten wir das Body-Cam Modell der NetCo Professional Services GmbH aus Deutschland, die D5 der neuen D-Series von RevealMedia aus Großbritannien, die Axon Body 2 des Herstellers AXON aus den USA sowie das Modell T1 Live Body-Cam von ZEPCAM aus den Niederlanden. Alle vier Hersteller kommen bereits bundesweit bei Polizeien zum Probeeinsatz.

Body-Cam Made in Germany von NetCo Professional

Die NetCo Bodycam

Die Multiuser fähige Body-Cam und das Managementsystem der NetCo Professional Services GmbH wurden komplett in Deutschland entwickelt und kommen derzeit bei der Polizei Sachsen-Anhalt sowie zur Erprobung in Brandenburg zum Einsatz. Das robuste IP65 zertifizierte One-Box-Design gibt es als Connect- oder Record-Version. Bei der Connect-Variante können die aufgenommenen Bilder und Videos zusätzlich direkt über 4G LTE an eine Zentrale übertragen werden, ohne diese mit einem Smartphone zu koppeln. Dank integriertem GPS Modul können Positionen dem Video hinzugefügt werden. Die Record-Variante speichert alle Dateien verschlüsselt auf einer für den Anwender nicht entnehmbaren microSD-Karte mit bis zu 17 Stunden Aufnahmezeit in Full-HD. Je nach Wunsch des Kunden umfasst der interne Speicher zwischen 16 GB – 128 GB.

Mit 2,8 Zoll ist das Farbdisplay der NetCo Body-Cam im Vergleich zu anderen Herstellern nicht nur das größte, sondern durch die Touchscreen-Funktion gleichzeitig leicht und intuitiv zu bedienen. Die beiden seitlich angebrachten Druckknöpfe erlauben das schnelle und einfache Einschalten der Kamera. Durch die lange Voraufzeichnungszeit (Pre-Recording) von bis zu drei Minuten – in Stufen von 30, 60, 90, 120 Sekunden oder größer einstellbar -, kann der Nutzer der Kamera auch in einer bereits laufenden Konfliktsituation auf den Aufnahmeknopf drücken, um bereits vollzogene Handlungen und Äußerungen zu dokumentieren. Durch das Frontdisplay wird der positive Effekt des Einsatzes der Kamera erhöht und die psychologische Wirkung auf das Gegenüber erhöht. Mit der festverbauten „Fish-Eye“ Weitwinkellinse lässt sich ein breites Sichtfeld von ca. 180 Grad in Full-HD mit bis zu 1080p aufnehmen. Hierdurch ergibt sich eine Vielzahl von Befestigungsmöglichkeiten, für die der Hersteller entsprechendes Zubehör anbietet oder auf Kundenwunsch individuell entwickelt.

Neben der Videoaufzeichnung ist besonders die anschließende Datenverwaltung wichtig – Hier der NetCo Bodycam Software Manager | Foto: Hersteller

Über die robuste Dockingstation werden die Body-Cams geladen und gleichzeitig die aufgezeichneten Bilder und Videos automatisch zum Managementsystem transferiert. Ausfallanfällige Buchsen für eine Kabelverbindung mit dem Managementsystem oder der Zugriff auf SIM-Karten oder Speichermedien durch das Öffnen von Klappen am Gehäuse sind nicht erforderlich. Jede aufgenommene Datei besitzt einen Identifikationsstempel. Dieser beinhaltet die Zeit, die Kennung der Kamera und eine Nutzererkennung. Die Rechte zum Herunterladen, Ansehen und Exportieren können in beliebigen Konstellationen an die Benutzer verteilt werden. Modifikationen der Bild- bzw. Videodateien durch Dritte oder den Träger der Body-Cam sind auch nach der Ablage im gesicherten Managementbereich nicht möglich.

Body-Cam D5 von RevealMedia

Die neue D-Series 5 BodyCamera von REVEAL | Foto: Reveal

Die Body-Cam D5 aus dem englischen Hause RevealMedia ist eine Weiterentwicklung der RS3-SX und das Flaggschiff der neuen D-Serie. Sie verfügt über ein 2 Zoll Farbdisplay auf der Vorderseite und bietet durch Tasten die Möglichkeit ohne PC eine Wiedergabe der Videos direkt auf der Kamera. Der Start der Aufnahme erfolgt mittels eines gut erreichbaren und ausreichend groß dimensionierten roten Schalter an der Seite, der nach unten geschoben wird, so dass die Bedienung auch mit Handschuhen problemlos möglich ist. Aufgenommen werden können Full-HD Videos mit bis zu 1080p oder wahlweise 720p oder 480p. Die mögliche Aufnahmedauer beträgt nach Herstellerangaben bis zu 12 Stunden in HD, bis der Lithium-Ion-Polymer Akku geladen werden muss. In der großen 64 GB Variante können bis zu 20 Stunden Videomaterial auf der Body-Cam gespeichert werden. Mit der D5 bietet Reveal die Möglichkeit Videos in einem Wi-Fi Netzwerk oder per Smartphone z. B. in die Leitstelle zu streamen. Ebenfalls per gekoppelten Smartphone können Videoaufnahmen mit GPS Informationen getaggt werden.

Um auch bei schlechten Lichtverhältnissen eine gutes Aufnahmeergebnis zu erzielen wurde die Low-Light Technologie deutlich verbessert. Mit 155 Gramm wiegt die D5 etwa 45 Gramm weniger als das Body-Cam Modell aus Deutschland. Die Kamera lässt sich stufenlos in Winkeln von 305 Grad Horizontal sowie 173.5 Grad Vertikal schwenken und bildet einen Aufnahmebereich von 110 Grad Horizontal sowie 50 Grad Vertikal ab. Mittels Dockingstation lassen sich die Aufzeichnungen problemlos in die neu entwickelte DEMS360 Software von RevealMedia übertragen. Diese bietet ein umfangreiches Nutzermanagement und eine lückenlose Protokollierung der Zugriffe auf die AES 256-bit verschlüsselten Dateien.

AXON Body 2 von AXON

Eine Brustkamera der Firma AXON – das grüne Licht signasiliert die aktuelle Aufnahme | Foto: © Tomas Moll

Grundlegend anders ist das System der Axon Body 2 des amerikanischen Herstellers AXON, der auf eine kompakte Bauweise ohne Frontmonitor setzt. Mittels großem Taster auf der Vorderseite lässt sich die Aufnahme starten und durch eine rote kreisrunde LED wird dem polizeilichen Gegenüber signalisiert, dass er videografiert wird. Somit setzt die AXON Body 2 das One-Box Design konsequent um und reduziert sich auf die Kernaufgabe: das Aufzeichnen von Video- und Audiosignalen.

Die „Retina-HD-Low-Light“ – Videotechnik erlaubt rauscharme Aufnahmen auch bei schlechten Lichtverhältnissen. Zwei Audiokanäle sorgen für höhere Unterscheidbarkeit von Stimmen durch automatische Regelung und Rauschreduzierung. Optional kann die Body-Cam stummgeschaltet werden. Um eine Aufzeichnung vor einem Ereignis zu erhalten, lässt sich eine Pre-Recording Funktion mit bis zu zwei Minuten einrichten. Wie auch bei den anderen Herstellern können Full-HD Videos mit bis zu 1080p oder wahlweise 720p oder 480p aufgenommen werden. Mit der maximalen 64 GB Variante und dem festverbauten Akku lassen sich bis zu 12 Stunden HD-Videomaterial anfertigen. Über Wi-Fi oder Bluetooth und der Mobile App Axon View für das Smartphone kann die Axon Body 2 gekoppelt und Videos gestreamt sowie getaggt werden. Der Sichtbereich der festverbauten Kamera liegt bei 143 Grad und erlaubt mit vielseitigen Axon RapidLock-Befestigungen und Halterungen für verwacklungsfreie Aufnahmen.

Dateien können über ein USB-Kabel direkt auf einen Rechner gespielt und mit der im Lieferumfang enthaltenen Software EVIDENCE.COM weiterverwendet werden. Je nach Behördenwunsch lassen sich die Daten alternativ mit EVIDENCE.COM auch auf einem Cloud-Server ablegen. Mit der desktopbasierten Software lassen sich Videos in allen gängigen Formaten speichern, Zugriffsrechte für bestimmte Personengruppen erteilen und von jedem Ort und Rechner abrufen.

T1 Live Body-Cam von ZEPCAM

Die NetCo Bodycam

Das ZEPCAM T1 Live ist ein körpergetragenes Videosystem, das nicht nur hochwertige Videoaufzeichnung ermöglicht, sondern bei Bedarf auch die drahtlose Live-Übertragung von Video & Daten an Computer sowie Einsatz- & Leitstellen gewährleistet. Bei der T1 handelt sich um ein modular aufgebautes System, dass sich aus der sogenannten “Bullet Kamera” – meist auf der Schulter getragen, einem Rekorder mit Display, einem Live-Modul sowie einer Remote Control zusammensetzt. Getragen werden kann die Kamera am Helm oder wie bei der hessischen Polizei auf der Schulter. Die Rekorder-Einheit verfügt über einen Lithium-Ionen-Akku mit einer Kapazität von 6.200 mAh. Mittels Kabel wird die Einheit mit der Kamera verbunden und kann am Gürtel getragen werden. Nach Herstellerangaben erlaubt der Akku eine Aufnahmedauer von bis zu 10 Stunden oder 4,5 Stunden Livestreaming. Standardmäßig liefert ZEPCAM die Body-Cam T1 Live mit einer 8 GB großen microSD Karte aus, die bis zu 6 Stunden Videomaterial speichert. Auf Wunsch kann auch eine bis zu 32 GB große Karte genutzt werden, was zumindest den Speicher, auf bis zu 24 Stunden erhöht.

Da je nach Trageweise des Rekorders eine Bedienung der auf dem Gehäuse angebrachten Tasten schwierig sein kann, bietet ZEPCAM zusätzlich eine Fernbedienung an, welche wie eine Armbanduhr getragen werden kann. Aufnahmen werden nicht wie bei den anderen Herstellern in Full-HD aufgezeichnet, sondern mit einer maximalen Auflösung von 720×576 Pixel bei 25 Frames pro Sekunde.

Als Software zum Verwalten der Aufzeichnungen bietet ZEPCAM zwei verschiedene Lösungen an. Zum einen, eine Server Software die auf einer nichtöffentlichen Cloud basiert und auf der eigenen IT installiert wird, oder die Cloud, wo Videos auf den Servern von ZEPCAM verwaltet und gehostet werden.

FAZIT: Welche der vorgestellten Body-Cam Systeme, ob mit Frontmonitor oder ohne, One-Box Design oder Bullet-Kamera sich im täglichen Polizeidienst eignen, wird der Praxistest der einzelnen Behörden zeigen.

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