Spezialeinheiten intern

Nach SEK Interview: Das sagt der Polizeipräsident

 

„Wir machen die Dampf-Dinger, sind immer bereit für den Ernstfall“

Drei Kollegen des LKA 63 sprechen über ihre Arbeit beim Spezialeinsatzkommando (SEK). Sie reden über Frust, fehlende Wertschätzung und Forderungen an die Politik.

Deutsche Polizei: Stellt euch bitte zum Anfang vor.

Belle*: Ich bin gelernter Tischler und war vier Jahre auf der Walz. 1998 fing ich bei der Polizei an und war zuerst in der 22. Einsatzhundertschaft. 2005 habe ich den SEK-Basislehrgang absolviert. Als später das Präzisionsschützenkommando (PSK) aufgelöst und Präzisionsschützen gebraucht wurden, um sie in die SEK-Teams zu integrieren, nahm ich 2008 am PSK-Lehrgang teil. Jetzt bin ich 39 Jahre alt, habe zwei Kinder, meine Frau ist berufstätig.

SEK-Beamter 2*: Nach meinem Abitur und meiner Bundeswehrzeit fing ich mit 21 Jahren bei der Polizei an. 2005 besuchte ich den Basislehrgang beim PSK und nach der Umstrukturierung und einem Aufbaulehrgang bin ich seit 2008 beim SEK. Inzwischen bin ich 36 Jahre alt und habe ein Kind.

Ulli*: Dank meiner Mutter kam ich zum Polizeiberuf. Sie arbeitet seit über 25 Jahren bei der Polizei als Putzfrau. Ein Kollege sprach sie an und gab ihr den Hinweis, dass sich jetzt auch Migranten bei der Polizei bewerben können. Ich selbst wäre damals nicht draufgekommen!
Ich versuchte es und beim zweiten Anlauf hat es geklappt. So fing ich 1996, mit 16 Jahren, im mittleren Dienst an. Nach der Direktionshundertschaft 1 war ich lange Zeit als Zivilfahnder tätig. 2006 schaffte ich es zum SEK. Ich bin auch verheiratet und habe zwei Kinder.

Deutsche Polizei: Warum hättest Du Dich aus eigenem Antrieb nie beworben?

Ulli: Weil ich einfach zu jung war und dachte, dass ich als „Ausländerjunge“ kein deutscher Polizist werden kann. Berufsinfo-Tage in der heutigen Form gab es damals noch nicht.
Meine Eltern kommen aus der Ost-Türkei. Sie haben sich durchgebissen und hart gearbeitet. Zur Wende stand ich an der Bornholmer Brücke und schaute dem Mauerfall zu. Ich bin in sehr einfachen Verhältnissen in Berlin-Wedding aufgewachsen. Nach fast 20 Dienstjahren sage ich, dass es für mich die beste Entscheidung war, zur Polizei zu gehen. Darüber hinaus bin ich stolz darauf, wie auch meine Kollegen, dass wir es zum SEK geschafft haben.

Deutsche Polizei: Bitte beschreibt doch mal, was ihr meint, mit dem stolz sein.

SEK-Beamter 2: Beim Auswahltest scheitern schon viele. Die anschließende sechsmonatige Ausbildung ist hart. Dort steht man Tag und Nacht unter ständiger
Beobachtung, andauernd gibt es Zwischentests, etwa im Taktiktraining, Schießen oder Kampfsport. Das ist Stress. Jeder, der sich hier bewerben will, sollte sich gut vorbereiten und trainieren. Er muss bereits weit vor der Bewerbung einen großen Willen mitbringen und auch bereit sein, sich zu quälen. Wenn man es am Ende geschafft hat, ist man stolz, bei der besten Einheit der Berliner Polizei zu sein.
Stolz darauf, zu dieser erlesenen Familie zu gehören, ein Teil von ihr zu sein und zusammen Leid, Freude, Schmerz, Glück und mentale Stärke in einer Weise
kennengelernt zu haben, wie man es vorher nie hatte.

Belle: Der SEK-Auswahltest findet nur einmal im Jahr statt. Einige Bewerber verletzen sich dabei oder später in den Ausbildungsmonaten. Es werden nur
die Besten genommen. Viele versuchen es ein zweites oder drittes Mal.

Ulli: Ich selbst schaffte es auch erst beim zweiten Mal. Den ersten Basislehrgang musste ich verletzungsbedingt abbrechen.

SEK-Beamter 2: Wenn jemand es nicht schafft, heißt das nicht, dass er ein schlechter Polizist ist, nur reicht es eben für unsere Ansprüche nicht. Viele sehen das als persönliche Niederlage, aber es wäre einfach falsch, Abstriche bei den Anforderungen zu machen. Insbesondere, weil alle anderen das Gleiche vorher
auch leisten mussten.

Ulli: Wer beim SEK anfangen will, muss neben Sportlichkeit auch flexibles Denken über das normale Maß hinaus und insbesondere Teamfähigkeit mitbringen.
Die Kollegen sind zumeist leistungsstarke, diensterfahrene Polizisten! Es sind Kollegen, die bereits auf ihren alten Dienststellen gute Arbeit geleistet haben. Schaffen sie es zum SEK, fehlen sie auf ihren alten Dienststellen.

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Deutsche Polizei: Ihr sagt es ja selbst, der Polizeiberuf ist immer anspruchsvoll und gefährlich. Warum denkt ihr, dass es einen Unterschied macht, beim SEK zu sein? Was ist das Besondere?

Belle: Stimmt! Bei der Polizei halten wir alle den Kopf hin! Die Kollegen im Funkwagen, die Einsatzhundertschaften bei großen Demonstrationen, einfach alle.

SEK-Beamter 2: Ich schmälere in keiner Weise die Gefährlichkeit der Abschnittseinsätze, die Kollegen dort wissen oft nicht, was sie vor Ort erwartet. Im Gegensatz dazu haben wir ja meist schon Informationen, um was es geht. Nur ist es schon etwas anderes, sich mit bewaffneten Straftätern auseinanderzusetzen, die über das Maß gewaltbereit und im Besitz von Waffen sind oder sogar bereits geschossen haben. Wir sind die letzte Instanz, besonders wenn alles andere nicht erfolgreich war. Nach uns kommt nichts mehr, was die Behörde in Petto hat. Wir sind sozusagen die Feuerwehr der Berliner Polizei.

Ulli: Wir machen die „Dampf-Dinger“, haben immer im Hinterkopf, dass es jederzeit zu einem dramatischen Einsatz kommen kann. Wir müssen immer bereit sein für den Ernstfall. Das LKA 63 hat über 500 Einsätze pro Jahr. Damit sind wir bundesweit Spitze. Das allein zeigt schon die Belastung.

Deutsche Polizei: Habt ihr Angst?

Ulli: Angst nicht. Ich würde es Respekt nennen. Respekt vor unserer Aufgabe und Respekt vor den Menschen, auf die wir treffen. In der Regel ist unser Gegenüber bewaffnet oder will sich das Leben nehmen. Da geht es nicht ohne Respekt.

SEK-Beamter 2: Sagen wir besondere Vorsicht und Achtsamkeit. Jeder möchte am Ende der Schicht gesund nach Hause zu seiner Familie. Ich habe aber auch
immer meine zweite Familie bei mir, mein Team, und wir passen besonders aufeinander auf.

Deutsche Polizei: Beschäftigen euch die Einsätze auch später noch? Nimmt man so etwas nicht auch mit nach Hause?

Ulli: Ja, wir sprechen oft im Team noch lange über die Einsätze. Manche Details von Ereignissen will und kann man einfach den Angehörigen nicht erzählen. Die dauernde geistige und körperliche Anspannung ist anstrengend. Man muss unbedingt versuchen, einen Ausgleich zu finden. Auch privat stecken wir alle viel zurück.

Deutsche Polizei: Wie sieht das konkret aus?

SEK-Beamter2: Jeder hat hier mehrere Zugleichaufgaben. Ich selbst bin Präzisionsschütze und Sanitäter im Team und muss so neben dem SEK-Training
noch extra trainieren und mich fortbilden. Meine Freizeit ist sehr überschaubar.
Dann bin ich noch für die Ausbildung des Basislehrgangs in den Bereichen Kampfsport, Tarnen im Gelände und Taser-Instructor verantwortlich.

Belle: Meine weiteren Aufgaben sind Selbstverteidigung Judo, Schießausbilder, Höhenretter, Führungsunterstützung bei Großlagen. Ich habe auch einen Teil der Verwaltung übernommen, schreibe die Stunden für das Team und suche nach Trainingsmöglichkeiten für unsere Fortbildungen, auch in der Freizeit. Diese Fortbildungen müssen nachgewiesen werden, ansonsten muss man das SEK verlassen.

Deutsche Polizei: Zugleichaufgaben gibt es aber doch überall in der Polizei. Was macht den Unterschied?

Ulli: Wir müssen als Servicedienststelle für die Kollegen auf alle Eventualitäten und Krisen vorbereitet sein! Das geht nicht einfach so nebenher.
Unsere umfangreiche Ausrüstung und unsere Materialien müssen wir jederzeit beherrschen, das erfordert ständiges Training. Bei anderen Einheiten hat man
das nicht in diesem Maße. Im Zweifel haben die Kollegen schließlich die Möglichkeit, das SEK zu alarmieren.

Belle: Allein die Präzisionsschützen müssen dutzende Male im Jahr ihre Schießnachweise erbringen. Wegen der fehlenden Möglichkeiten hier in Berlin müssen wir in der Regel zum Schießen in andere Bundesländer fahren. Die langen Fahrstrecken nehmen Zeit in Anspruch.

Deutsche Polizei: Bleibt da noch Zeit für die Familie? Ihr habt eingangs alle gesagt, dass ihr Kinder habt.

Belle: Ein Beispiel: 2009 hatte ich an meinem Geburtstag als Präzisionsschütze gearbeitet, für mein Team. Da kann man nicht einfach nach Hause gehen,
kommt gar nicht in Frage. Ebenso als mein Kind in der zweiten Klasse sein erstes Zeugnis bekam.

SEK-Beamter 2: Da wird jeder Kollege sagen, dass es schwer ist, alles unter einen Hut zu bringen. Im Vergleich zur Arbeit bei der Einsatzhundertschaft ist hier
deutlich mehr gefordert und dadurch weniger Zeit für die Familie zu Hause vorhanden. Aber wir haben uns das ja so ausgesucht. Wenn man einen Partner hat, braucht man jemanden, der einen unterstützt und Verständnis aufbringt, auch wenn mal nachts oder an besonderen Tagen das Telefon wieder klingelt, selbst wenn man gerade keine Bereitschaft hat. Man braucht sich auch nicht wundern, wenn man sogar vom eigenen Kind gefragt wird, ob man überhaupt noch zu Hause wohnt.

Ulli: Wir alle geben körperlich und geistig im Einsatzfall immer 100%. Daran hängt auch das Team, das im Einsatz immer funktionieren muss! Die verletzungsfreie Bewältigung des Einsatzes steht für uns, aber auch für unser Gegenüber, immer an erster Stelle.

Hintergrundinformation SEK Berlin

117.696 Mehrarbeitsstunden der Spezialeinheiten allein in Berlin

Allein beim Personenschutz (PSK), Mobilen Einsatzkommando (MEK), Spezialeinsatzkommando (SEK) und Mobilen Einsatzkommando Aufklärung / Operative Dienste (A/OD) kam es zu einer Mehrarbeit von 117.696 Stunden. Dabei werden den Beamtinnen und Beamten jeden Tag hohe Anforderungen an die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit abverlangt, hin bis zur totalen Erschöpfung.

Deutsche Polizei: Ist eure Arbeitsbelastung in den letzten Jahren gestiegen?

Ulli: Unsere Einsätze werden gefährlicher. Der Terror globalisiert sich und kommt näher, wie die Anschläge in Belgien und Frankreich, aber auch die Bombenwarnungen in Deutschland zeigen. Da braucht man nichts schönreden. Wir sind dann die, die am Einsatzort ganz vorne sind. Wir haben auch eine gesellschaftliche Aufgabe.
Wir schützen. Unser oberstes Ziel ist es, unser Gegenüber festzusetzen. Wer kommt im Problemfall nach uns? Niemand. Wir stehen an der Front innerhalb der Berliner Polizei.

SEK-Beamter 2: Hinzu kommt, dass wir minder – teilweise sogar mangelhaft – ausgestattet sind. Ich meine im Vergleich zu anderen deutschen SEK-Einheiten. Unsere Waffensysteme sind veraltet. Wie soll man Terroristen bekämpfen, wenn das Material nicht der Lage entspricht? Wir können auf gut Deutsch nicht immer aus Sch… Gold machen. Hier sind Spezialisten, die sich mit vielen Dingen gut auskennen. Aber das Problem liegt darin, dass auf uns nicht gehört wird. Sicherheit kostet und daran lässt sich nichts ändern.
Wir werden wohl erst gehört werden, wenn etwas passiert, und dann ist es zu spät. Und an die Konsequenzen und Verluste in diesem Fall möchte ich gar nicht erst denken.

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Deutsche Polizei: Wie sieht eure Zukunft aus? Wie lange kann man beim SEK bleiben, und was erwartet euch danach?

Ulli: Jeder verträgt die Belastung psychisch und physisch anders. Aber eines ist klar: Über die Jahre ermüdet einen die Tätigkeit. Da steigt unter anderem auch das Verletzungsrisiko. Ewig kann man diesen Job nicht machen.

SEK-Beamter 2: Und genau das ist ein Problem für uns, insbesondere für die Kollegen im mittleren Dienst, also auch für mich. Wir stellen fast ein Drittel der
Kommandoangehörigen und die Zahl wächst. Fast alle aus meinem Lehrjahr, als ich bei der Polizei angefangen habe, wurden mittlerweile zum Polizeioberkommissar (POK) befördert. Aber ich, weil ich zum SEK gegangen bin, werde benachteiligt und bin immer noch Polizeiobermeister (POM). Obwohl ich noch nie etwas Negatives gemacht habe!
Das heißt, sollte mir etwas passieren, was durch die ständige Belastung nicht verwunderlich wäre, und gehen wir mal vom Schlimmsten aus, einem qualifizierten Dienstunfall, würde ich als POM in den Ruhestand gehen. Es ist mehr als ein Schlag ins Gesicht zu wissen, dass die Behörde gerne auf uns zurückgreift, um Vorführungen zu machen und gut dazustehen, aber nicht gewillt ist, an diesem Missstand etwas zu ändern und uns in absehbarer Zeit zu Kommissaren zu machen.

Ulli: Ja, wir machen Vorführungen für andere Dienststellen, aber auch regelmäßig für internationale Gäste. Zum Beispiel für eine polnische Polizeidelegation
oder auch beim Tag der offenen Tür. Dort repräsentieren wir die moderne Hauptstadtpolizei. Auszahlen tut sich das jedoch für uns in keiner Weise.

Belle: Mir geht es genauso. Ich bin ebenfalls seit zehn Jahren POM.

Ulli: Weil ich schon Hauptmeister war, bin ich mit vielen anderen Kollegen 2010 zum PK übergeleitet worden. Sonst hätte ich mich in den darauffolgenden
Jahren für den Aufstiegslehrgang beworben. Diese Möglichkeit besteht für unsere alten POM aber nicht mehr, das ist nicht in Ordnung. Es ist doch so, dass das LKA 63 für die gesamte Behörde arbeitet. Die Kollegen kommen von allen Dienststellen. Es wäre nur fair und eine Art Wertschätzung, wenn die Kollegen
rechtzeitig befördert würden.

Belle: Wir haben hier beim LKA 63 eine Altersgrenze. Mit 42 muss man das SEK verlassen. Wenn wir wieder zu den Dienststellen zurückkehren, stellen
wir uns zur Beförderung hinten an. Das heißt, wir bleiben noch etliche Jahre oder sogar bis zum Dienstende POM.

SEK-Beamter 2: Nicht nur, dass wir uns hinten anstellen nach 15 Jahren beim SEK. Wir haben alle Spezialwissen in Waffen, Taktik und Technik. Doch das
verfällt und bringt der Behörde gar nichts mehr, weil wir keine geeignete Anschlussverwendung finden, von der noch alle profitieren könnten. Die Frage, wo wir nach dem SEK hinkommen, ist auch nicht geklärt.

Deutsche Polizei: Euch fehlt also die Absicherung und auch ein Stück weit die Perspektive für eure Zeit nach dem SEK?

Ulli: Ja, so kann man das sagen. Jeder beim LKA 63 sollte noch während der aktiven Zeit beim SEK zum PK ernannt werden. Für all die Jahre, die man alles gibt für erfolgreiche Einsätze, alles Persönliche hinten anstellt, fehlt uns einfach die Wertschätzung der Verantwortlichen innerhalb der Behörde und auch in der Politik. Das wäre durch die Ernennung zum PK noch während der SEK-Zeit wenigstens ein Stück weit gegeben.

SEK-Beamter 2: Es bringt uns nichts, Applaus zu bekommen oder einen feuchten Händedruck. Lachhaft ist ja auch, dass die Berliner Polizei und insbesondere wir beim SEK bundesweit die meisten Einsätze haben und dadurch die höchsten Belastungen. Belohnt werden wir aber bundesweit mit der geringsten
Vergütung.

Belle: Und nicht nur beim Gehalt sind wir Schlusslicht. Beim Berliner SEK haben wir bundesweit die niedrigste Erschwerniszulage! Auch wenn wir unseren
Beruf und unsere Aufgaben lieben und mit Leib und Seele bei der Sache sind, ist das alles manchmal schon sehr frustrierend.

Deutsche Polizei: Danke für das Interview.

Und was sagt die Politik bzw. Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt dazu?

Schließlich war er doch mal selber über viele Jahre Mitglied einer Spezialeinheit. Und zwar der Einheit Deutschlands: Der GSG9 der BPol.

Wird es Konsequenzen für die SEK-Beamten geben, weil sie die Wahrheit in der oftmals gemiedenen Öffentlichkeit sagten?

LESEN SIE HIER WAS BERLINS POLIZEIPRÄSIDENT GEGENÜBER SEK-EINSATZ.de SAGTE

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